Ich sang schon seit ich ein kleines Mädchen war. Irgendeinen Chor gab es immer. In der Musikschule, im Jugendchor, im Kirchenchor und auch in einer Band. Beim Singen fühlte ich mich so richtig lebendig und froh. Während des Studiums begeisterte mich eine Freundin für Gesangsstunden. Erste kleinere Auftritte im Familienkreis folgten. Vorher war ich immer unendlich nervös und hinterher wahnsinnig stolz. Ich glaubte eine Ahnung davon zu haben, was es bedeutet, „richtig“ zu singen und wollte davon immer mehr. Ich wollte den perfekten Ton produzieren.

So glaskar, schillernd und schön, wie eine Seifenblase.

So war es für mich eine große Freude, als meine beste Freundin mich fragte, ob ich zu ihrer Hochzeit in der Kirche singen würde. Was für eine Ehre für mich. Die Probe mit der Pianistin verlief wunderbar und ich freute mich auf die Trauung. Doch dann kam alles anders.
Kaum dass meine Freundin die Kirche betrat, kamen mir die Tränen. Ich wusste ja schon von mir, dass ich bei der eigentlichen Zeremonie nah am Wasser gebaut sein würde. Doch schon beim Einzug heulen? Was war nur mit mir los?

Es wurde immer schlimmer. Ich nutze die Lieder, welche die ganze Gemeinde sang, um meine Stimme von den Tränen zu befreien, doch es gelang kaum. Dann kam der Moment, an dem ich singen sollte. Ich stand vorne am Altar, sah die ganzen Leute und hörte das Klavier. Doch kein Ton kam aus mir heraus. Stattdessen liefen nur so die Tränen. Ich hörte im Hintergrund, wie die Pianistin anfing zu singen. Irgendwoher sammelte ich ein letztes bisschen Fassung, schloß die Augen und endlich kamen die Töne. Solange ich die Augen geschlossen hielt, konnte ich einigermaßen singen. Um micher herum nahm ich nichts mehr wahr. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken, so peinlich war mir die Situation. Nichts war mehr da vom dem glasklaren Ton, dem Schillern und Strahlen.

Die Seifenblase war geplatzt.

Die Tränen begleiteten mich den ganzen Tag, bis in die Nacht hinein. Wir feierten lange und ausgelassen und ich weinte. Weinte um die verpasste Chance, es richtig gut zu machen. Das mein Geschenk an meine Freundin so daneben gegangen war und weil ich dachte, nie wieder singen zu können.

Erst Jahre später habe ich wieder angefangen zu singen. In einem kleinen Ensemble von wundervollen Menschen mit berührenden Stimmen. Es tat so gut in diesem geschützen Raum wieder Freude und Leichtigkeit beim Singen zu erleben. Die Töne fingen wieder an zu schillern. Ganz zart und nur für mich fühlbar.

Und noch mal ein paar Jahre später habe ich mich auch wieder getraut Unterricht zu nehmen. In einer kleinen Gruppe trafen wir uns alle paar Wochen für einen ganzen Tag. Begleitet von einer wundervollen Gesangspädagogin. Am Vormittag ging es um Technik und am Nachmittag konnte jede individuell an einem Stück arbeiten. Es dauerte lange, sehr lange, bis ich es mal schaffte, ohne Tränen vor der Gruppe zu singen. Die Erinnerung an die Hochzeit begleitete mich immer noch. Ich wollte wieder dieses Gefühl vom „richtigen Singen“ in mir entdecken. Doch das blieb aus, so sehr ich auch danach suchte.

Ich suchte nach dem richtigen Klang.

Nach und nach entwickelte ich ein neues Ziel. Es ging für mich nicht mehr um den perfekten Ton, sondern um den Spaß beim Singen. Darum, meinen eigenen Klang zu entwickeln und ganz ich selbst zu sein. Anfang April fand dann das Abschlusskonzert der Gruppe statt. Kannst du dir vorstellen, wie nervös ich war? Ich kannte den Pianisten nicht, wir konnten das Stück gerade einmal kurz proben. Für mich war der Ablauf nicht klar und ich dachte nur, dass das ja nur schief gehen kann.

Und dann erinnerte ich mich auf einmal daran, dass ich hauptsächlich Spaß auf der Bühne haben wollte. „F#ck einfach machen!“, sagte ich zu mir selber. Eine Minute vor meinem Auftritt wusste ich plötzlich nicht mehr, wie die ersten Sätze des Liedes waren. Zum Glück konnte mir eine wundervolle Sängerin aus der Gruppe die ersten Worte sagen. Da hörte ich schon meinen Namen, ging auf die Bühne und sang.
Es fühlte sich großartig an. Leicht, schillernd, voller Freude und strahlend. Da war es wieder, das Gefühl vom richtigen Singen. 20 Jahre nach dem tränenreichen Auftritt stand ich vor Publikum und zeigte mich von meiner ganz persönlichen und verletzlichen Seite. Denn so empfinde ich es, wenn ein Musiker seine Musik öffentlich vorstellt.

Das ist etwas ganz zartes, schillerndes und strahlendes, wie eine Seifenblase.

Hier kannst du dir mein Lied anhören. Meine ganz persönliche Version von „if looks could kill“ von Heart (die Bildqualität des Videos ist leider nicht so gut)

Was erlebst du, wenn du dich auf einer Bühne zeigst? Ich freue mich über deinen Kommentar!

Diese Verletzlichkeit beim Singen, die ich empfinde, haben auch viele Menschen, wenn sie über sich selbst schreiben. Was Lampenfieber und über sich schreiben miteinander zu tun haben, und was dagegen wirkt, darüber hat Celine Tüyeni von textemitziel.at in Ihrem Blogartikel „Warum über sich selbst schreiben Angst macht.“ erzählt.
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